Supra #4 gibt´s in folgenden Läden:

Fanladen, Brigittenstraße 3
Buchhandlung, Schulterblatt 55
Subvert Store, Neuer Pferdemarkt 32
Lockengelöt, Wohlwillstraße 20
KunstKiosk, Paul-Roosen-Straße 5
TT hoch 3, Beim Grünen Jäger 10
St. Pauli-Archiv, Wohlwillstr. 28
Strips & Stories, Seilerstrasse 40
Heinrich Heine Buchhandlung, Grindelallee 26

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Kassenrolle rückwärts

Gerechtigkeit ist ein schwieriger Begriff und genau wie viele andere Wörter die probieren ein Gefühl zu beschreiben lässt auch dieser einen breiten Raum für Interpretationen. Letztendlich ist Gerechtigkeit nichts Definiertes, sondern immer eine Frage des Blickpunktes und der eigenen Wertvorstellungen. Gefährlich wird es nicht nur, wenn Menschen dazu neigen ihren eigenen Standpunkt ohne jeden Blick zur Seite als einzig wahren zu betrachten, sondern das auch noch mit Gesetz, Recht und Rechtsprechung verquicken, bis am Ende ein Brei dabei heraus kommt, der vielleicht frisch zubereitet anmutet, aber nichts weiter ist als eine alte braune Pampe an der wir schon vor Jahrhunderten erstickt sind.

Im Fußballbereich ist es neuerdings in Mode gekommen, mit emotional behafteten Vokabeln nur so um sich zu schmeißen und sie in falschen Zusammenhang mit definierten Begriffen zu stellen. So erreichen wir durch Fans, die bengalische Feuer entzünden einen neuen Höhepunkt der Gewalt. Allein hier fehlt es völlig an Sachlichkeit, denn das abbrennen von Pyrotechnik mag zuweilen fahrlässig sein, es ist jedoch kein Ausbruch der Gewalt und bei weitem nicht vergleichbar mit der oft rassistischen Brutalität, der die Fanszenen bis weit in die 90-er Jahre noch ausgesetzt waren. Das sich ausgebildete Journalisten vor ein Mikrofon oder an ihre Schreibtische setzen und diese bewusst falschen Einschätzungen als Fakten verkaufen ist schlimm genug, dass die Menschen sich vor den Fernsehern und im Internet damit berieseln lassen und es ungefragt aufnehmen und weiter propagieren ist eine Katastrophe. So entstehen Meinungen die zwar keine Grundlage haben, aber auf der felsenfesten Grundlage gebaut sind, wenn alle das so sehen, kann ich damit nicht falsch liegen.

Auch beim FC St. Pauli und seinem Umfeld hat man so seine Probleme mit der richtigen Einordnung von Vorfällen, wie dem Wurf der Kassenrolle, die den Frankfurter Spieler Schwegler am Montag abend zu Boden gehen ließ. In dem was folgte, war es wohl der Betroffene selbst, der als einziger die richtigen Worte fand.

Schon damals als ein 16-jähriger einen Schneeball auf Christian Tiffert warf, und den Spieler des 1. FC Kaiserslautern auch traf, war der Aufschrei des Vereins und aus Teilen des Umfelds groß, die Lächerlichkeit der Bestrafung aber noch größer. Das eine Bestrafung nicht den Sinn hat dem Täter die größt mögliche Verletzung zu zu fügen, sondern ihm dadurch dazu zu bringen sein Fehlverhalten einzusehen und sich in Zukunft besser zu verhalten, hat man im Umgang mit Fußballfans noch nicht eingesehen. Dort hagelt es für jede Kleinigkeit ein Stadionverbot. Da werden keine Unterschiede gemacht ob jemand in der Mitte der Pubertät steht und wie jeder andere Mensch in diesem Alter Sachen tut die er später bereut. Statt eine vernünftige Bestrafung zu finden, die einen Sinn hat und dem Menschen die Chance gibt zu beweisen, dass er sich anders verhalten kann, wird mit lebenslangem Ausschluss aus der Gemeinschaft gedroht. Würde das Recht von europäischen Gerichten immer derartig ausgelegt, ohne Blick auf das Alter und die Lebensumstände der Person, dann würde es auf den Straßen aber ganz leer werden. Das Fußballfans oft wie Verbrecher behandelt werden, liegt in erster Linie nicht an der Polizei, auch wenn viele das gerne so hätten, sondern an der undifferenzierten Betrachtung der einzelnen Vorfälle, und der Pauschalverurteilung durch die Medien, die Vereine und leider auch Teile der Fans, auch des FC St. Pauli. Dass am Ende die Polizei dran Schuld ist, ist einfach und passt gesprüht auf ein Poster, lässt aber leider die Verantwortung aller anderen außen vor. Wenn jedes Bengalo ein Geschrei verursacht, als hätte jemand in die Menge geschossen und jeder der einen Schneeball wirft ein Geisteskranker ist, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn Fans auf einmal Verbrecher sind.

Im aktuellen Fall behauptet der Verein folgendes: Wenn der Täter sich stellt erhält er eine harte aber gerechte Strafe, lässt aber offen, was passiert wenn der Täter sich nicht stellt. Wird es dann eine harte und ungerechte Strafe? Wenn ehemalige Schalke Trainer und Praktikanten aus der Bild Redaktion das Staatsexamen, das Jurastudium und sogar den Sozialkundeunterricht aus der Sekundarstufe 2 vergessen, bzw. nicht als notwendig erachten um sich in der Rolle eines Richters zu wähnen, dann kommt dabei schon mal so ein Unsinn heraus, der einen denken lässt, der Geist der Bildzeitung schwebe über der Pressestelle um das gesamte Wissen, dass die Menschheit seit der Aufklärung erarbeitet hat, wirksam vor den Türen festzuhalten. Furchtbar ist nur, dass darüber nicht gelacht wird, sondern sie mit dieser zweifelhaften Auffassung von Rechtsprechung noch zu den Softlinern in der aktuellen Debatte um den Vorfall am Montag gehören. Das traurige, und das ist es was die Gerichte vom aufgebrachten Pöbel und den halbgebildeten Hobbyjuristen mit Hausvollmacht unterschiedet, ist das kein Mensch nach den Umständen und dem Ablauf der Tat fragt, sondern einzig und allein den Täter im Visier hat und sich überlegt wie man ihn schnellst möglich am schlimmsten verletzen kann. Das liebe Freunde, das ist keine Gerechtigkeit, das ist peinlich und beschämend, für diesen Verein und die Fanszene, die keine Gelegenheit auslassen ihre sozialethischen Vorstellungen in jedes verfügbare Mikrofon zu heucheln und für ein paar Euro an jeden Trottel zu verscherbeln.

Mit dem ganzen halbgaren und unreflektierten Mist, der in den letzten Monaten ins Forum gekritzelt wurde könnte man ein Buch schreiben, neben dem einem die Law and Order Bewegung wie Menschenrechtsaktivismus erscheint. Hier wird kräftig mit Worten geschleudert und gerödelt, die der Benutzer weder versteht noch verstehen will. Diese Massen die sich gegen die Pauschalverurteilungen so vehement wehren, sehen kein Problem darin die Gruppe, die sich aus vielen verschieden Menschen zu USP formiert hat, zu einem genetisch identischen Zellklumpen zu reduzieren, bei dem ein jeder einzelner die ganze Masse repräsentiert. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Handeln wird dann großzügig übersehen, denn USP Bashing ist total in Mode. Dass dann Leute die sich jahrelang in Flüchtlingsprojekten und Antifaschistischen Organisationen ehrenamtlich engagieren zu Nazis und Faschisten erklärt werden, weil sie anderen 10 Minuten eines 2. Ligaspiels stehlen, dass ist eine Schande. Um es noch einmal zu vergegenwärtigen: Nazis waren und sind Leute die andere Menschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder Weltanschauung verschleppt, gefoltert, in Lager gesteckt, vergast und erschlagen haben. Ich habe in diesem Stadion noch nichts erlebt was dem auch nur im Ansatz in die Nähe kommt und mit Verlaub halte ich das für eine Verschmähung der Opfer und eine Verharmlosung der Vorgänge dieser Zeit. Solche Vergleiche haben kein Niveau und keinen Stil. Sowie auch das hässliche Streben nach Rache, der Drang Leuten die Fehler gemacht haben möglichst schlimm zu schaden primitive Relikte sind, die so gar nicht zu der modernen und aufgeklärten Welt passen für die so viele vorgeben einzustehen. Lest mal ein paar gute Bücher, lest sie zu Ende und probiert eure eigene kleine Welt zu verlassen und den Blick über den Tellerrand zu werfen. Sonst bleibt das alles Gewäsch, Geschwätz und Stumpfsinn, gegen den die Leserbriefe in der Mopo wie eine wissenschaftliche Publikation wirken.

Kommentare

Wütender Mob

Ich möchte keine langen Ausführungen machen dazu.
Ich bin GG-Steher und hab die ganze Aktion kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen am Montag.
Ich bin absolut bei euch wenn ihr quasi schreibt, dass sich die Breite Masse wie ein wütender Mob verhält und bewaffnet mit braun-weissen Mistgabeln und Fackeln nach Rache schreit. DAS ist definitiv nicht der richtige Weg.

Es wird aber auch von vielen ehrenwerten Blogs, inkl. diesem, verlangt man möge doch bitte Verständis haben. Für eine u.U. einmalige Dummheit.
Hab ich auch. Aber die/derjenige Werfer möge einfach mal nach dem Satz handeln: "Dummheit schützt vor Strafe nicht".

Ich würde es gerne sehen wenn die/der Verantwortliche jetzt Verantwortung übernimmt und einfach zur begangenen Dummheit steht.
Und wenn die Bestrafung eben dieses Stadionverbot ist, dann ist es eben so. Es gibt immer Möglichkeiten sich zu rehabilitieren wenn man es wirklich will.

Ansonsten bin ich wie gesagt bei euch.

Beste Grüsse

Danny